Vier deutsche Kardinäle
Zu Gast:
Kardinal Kasper, Kardinal Lehmann, Kardinal Sterzinsky, Kardinal Wetter
Es war ein historischer Tag. Am 19. April 2005 wählte in Rom das Konklave Joseph Kardinal Ratzinger zum neuen Papst. Deutschland war stolz: Zum ersten Mal seit 482 Jahren wurde wieder ein Deutscher zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Vor zwölf Monaten hatte die ganze Welt auf das Konklave geblickt. Unter den Wahlberechtigten: Walter Kardinal Kasper, Karl Kardinal Lehmann, Georg Kardinal Sterzinsky und Friedrich Kardinal Wetter. Zwei Tage waren sie abgeschirmt, zwei Tage beteten sie um Eingebung und für die richtige Entscheidung. Bei „Beckmann“ zogen am Ostermontag vier Kardinäle die Bilanz des ersten Amtsjahres von Papst Benedikt XVI. Ihr Fazit: „Er hat Ruhe in die Kirche gebracht.“
Walter Kardinal Kasper: „Johannes Paul II. hatte es übertrieben. Er hatte zu viele Kardinäle, zu viele Heilige, zu viele Dokumente, zu viele Aktivitäten. Benedikt XVI. bringt jetzt alles auf ein gewisses Normalmaß: weniger Heiligsprechungen, weniger Audienzen, weniger Dokumente.“
Die Würdenträger bezeichnen die Wahl vor einem Jahr als wichtig für die Stellung Deutschlands in der Welt. Kardinal Lehmann: „Ich habe den Eindruck, dass der Respekt uns gegenüber ein Stück weit größer geworden ist. Es war eine schöne Sache, dass 60 Jahre nach dem Krieg diese Wahl gewesen ist. Ich habe es schon so empfunden, dass es ein kräftiger Schlusspunkt war unter eine schwierige Zeit“, so der Bischof von Mainz. Auch nach Ansicht von Kardinal Georg Sterzinsky wird ein deutscher Papst heute respektiert, trotz früherer Vorbehalte. „Bei vielen Bischöfen Afrikas, Asiens und auch Amerikas hieß es: „Ein Deutscher bestimmt nicht. Deutschland hat zwei Weltkriege angezettelt.“
„Wir werden anders wahr genommen, das sollten wir Deutsche sehen“, sagt Kardinal Kasper. „Dass es jetzt für uns Deutsche wichtig ist, dass ein Deutscher Papst geworden ist, sollte man politisch nicht unterschätzen. Man traut uns das wieder zu.“
Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München-Freising, sieht ein deutliches Anliegen von Benedikt XVI.: „Er will die Kirche als Gemeinschaft der Liebe aufbauen. Man sieht genau, in welche Richtung er die Kirche voranbringen will und was seine innerste Absicht ist.“
Auf Kardinal Kasper macht Benedikt XVI. einen „befreiten Eindruck“, wie er sagt. „Er kann jetzt bestimmte Aspekte zur Geltung bringen und muss nicht nur einfach Lehre verteidigen – sondern er muss integrieren und zusammenführen.“ Kardinal Lehmann betont: „Ich habe schon früher gesagt, wir haben ein falsches Ratzinger-Bild. Er ist viel weicher und differenzierter und mir war klar: Wenn er Papst wird, hat er Freude an anderen Themen und an anderen Aufgaben.“
Die führenden Kirchenvertreter kritisierten bei „Beckmann“ anhaltende Versäumnisse in der Integrationspolitik. „Vielleicht hat die Integration noch gar nicht begonnen“, sagte Georg Kardinal Sterzinsky. „Das ist natürlich ein schwerer Vorwurf. Aber eigentlich ist doch wohl von der Mehrheit der Politiker immer erwartet worden: Entweder passen sie sich wirklich an oder sie gehen wieder weg.“
Jahrelang habe sich die Politik keine Gedanken über die Probleme gemacht, so Sterzinsky weiter. „Multikulti klingt doch so: Lass doch alles zu – das kommt doch sowieso alles durcheinander.“
Karl Kardinal Lehmann betont: „Es ist keine Integrationspolitik im größeren Stil gemacht worden. Da ist zweifellos ein Defizit.“ Sterzinsky glaubt, dass Deutschland zur Bewältigung der Integration noch „einen langen Atem“ benötigt. „Die Ghettobildung und die Parallelgesellschaften sind der eigentliche Fehler.“
Sterzinsky gesteht, dass der Dialog der Kulturen nicht immer leicht sei. „Wir tun uns alle schwer – ich in besonderer Weise –, mit den Muslimen einen Dialog zu führen. Weil ich nie weiß, wer den Islam in seiner reinen Form vertritt. Wenn ich mit einigen Imanen spreche, die untereinander die Deutungshoheit des Korans beanspruchen – der eine findet dies drin und der andere findet jenes. Aber man muss jeden Menschen anderen Glaubens ganz ernst nehmen“, betont er ausdrücklich und spricht sich für einen intensiven Dialog aus.


