Ursula von der Leyen


Senkrechtstarterin der CDU und Mutter von sieben Kindern – so kennt man Ursula von der Leyen, die streitbare Familienministerin in Angela Merkels Kabinett. Doch es gibt auch eine andere Seite im Leben der strahlenden Powerfrau. Vor ihrer Politkarriere studierte sie Medizin und arbeitete acht Jahre lang als Ärztin. Im Klinikum Hannover betreute sie krebskranke Kinder und Frauen. Aber nicht nur beruflich, sondern auch im engsten Familienkreis war Ursula von der Leyen immer wieder mit dem Thema Krebs konfrontiert: Als sie 13 war, starb ihre zwei Jahre jüngere Schwester Eva-Benita an Lymphdrüsenkrebs. Vor vier Jahren erlag ihre Mutter einer Lungenkrebs-Erkrankung, und vor sechs Monaten ist ihr Bruder Lorenz an einem Hirntumor gestorben. In einem ungewöhnlich offenen Interview spricht Ursula von der Leyen mit Reinhold Beckmann jetzt erstmals über ihr Leben mit dem Tod und schildert bewegend und sehr persönlich, wie sie als Jugendliche ihre Schwester beim Sterben begleitete – und wie dies ihren gesamten Lebensweg geprägt hat.

Ursula von der Leyen über den Moment, als bei ihrer Schwester Eva-Benita Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wurde: „Für meine Eltern ist es ein ganz tiefer Schock gewesen. Wir Geschwister haben zuerst die Dimension der Diagnose nicht richtig wahrgenommen. Ich erinnere mich noch dunkel, dass wir uns natürlich die Frage gestellt haben: ‚Warum Benita?’“ Aus eigener Erfahrung kennt von der Leyen die erste Ohnmacht und Verzweifelung. „Es muss die tiefe Wut und das Entsetzen am Anfang da sein. Diese Gefühle sind in Ordnung. Aber auf die ‚Warum’-Frage gibt es keine Antwort. Jetzt, nach dreißig Jahren, spüre ich eher dieses tiefe Gefühl: ‚Gott sei Dank, dass wir sie gehabt haben, elf lange Jahre.’ Ich habe diese innere Haltung: ‚Vielleicht hätte es sie gar nicht gegeben – und wie schön, dass es sie gegeben hat!’“

Ihre Eltern hatten Eva-Benita möglichst oft aus dem Krankenhaus nach Hause geholt. „Wir haben uns unendlich viel um sie gekümmert. Ich habe viele Situationen erlebt, in denen man das Gefühl hatte, ohnmächtig zu sein: Wenn die Schmerzen da waren, wenn ich mehr helfen wollte – und es nicht konnte.“ Ursula von der Leyen musste bereits als Jugendliche lernen, mit der Krankheit ihrer Schwester zu leben. Von Monat zu Monat sei sie immer schwächer geworden. „Zum Schluss war sie auch gelähmt.“

Ursula von der Leyen hat ihre kleine Schwester bis zuletzt begleitet. „Der Tod ist nicht so auf den Punkt, wie er im Fernsehen dargestellt wird. Sondern der Tod hat etwas ganz Friedliches und etwas ganz Befriedendes. Das habe ich bei meiner Schwester sehr stark erlebt. Die körperlichen Kräfte nehmen langsam so sehr ab, dass man auch als Angehöriger irgendwann akzeptiert: ‚Ja, jetzt geht das Leben so nicht weiter. Es muss vielleicht in eine andere Dimension, also jetzt kommt der Tod.’“

Die gesamte Familie habe sich an Eva-Benitas Sterbebett versammelt und Totenwache gehalten: „Also nachts bei der verstorbenen Schwester sitzen und reden, reden, reden. Oder auch schweigen miteinander und innerlich annehmen, dass der Körper noch da ist und die Seele nicht mehr. Diese alten Rituale haben einfach ihren Sinn – den Zurückbleibenden das Abschiednehmen zu erleichtern.“

Bereits damals habe ihre Familie einen starken Zusammenhalt entwickelt, so Ursula von der Leyen: „Es gab während dieser Zeit auch unendlich kostbare und bereichernde Momente, die man ganz aktiv als Familie leben kann und wovon wir später auch sehr gezehrt haben. Es hat unserer Familie unendlich gut getan und uns sehr zusammengeschweißt.“

Trotz der privaten Schicksalsschläge ist Ursula von der Leyen ein optimistisch denkender Mensch geblieben. „Ich hab dieses tiefe Gefühl mitgenommen, dass man nicht im Streit auseinander gehen sollte. Wer weiß, wann wir uns wieder sehen, wenn wir uns voneinander verabschieden?“ Das gelinge nicht immer, aber ihre Grundhaltung sei: „Ist es richtig, wegen einer Nichtigkeit im Streit auseinander zu gehen? Oder gibt’s nicht wichtigere Dinge im Leben?“