Rudolf Blechschmidt und Susanne Koelbl
84 Tage war er in den Händen afghanischer Geiselnehmer, 84 Tage lebte er in Todesangst. Seit drei Wochen ist Rudolf Blechschmidt wieder zurück in seiner Heimat Deutschland. Jetzt spricht er bei „Beckmann“ zum ersten Mal im Fernsehen über sein fast dreimonatiges Martyrium.
Seit 2003 lebte und arbeitete der 62-Jährige als Bauingenieur in Afghanistan. Als er am 18. Juli dieses Jahres einen Staudamm inspiziert, wird er zusammen mit seinem Mitarbeiter Rüdiger Diedrich verschleppt. Nur zwei Tage nach der Geiselnahme erschießen die Entführer Blechschmidts Begleiter. Für ihn selbst beginnt eine unvorstellbare Leidenszeit: Er wird misshandelt, die Kidnapper drohen ihm mit seiner Ermordung. Die letzte Hoffnung schwindet, als eine geplante Freilassung Ende September scheitert. Erst am 10. Oktober kommt Rudolf Blechschmidt schließlich frei.
Die erste Nacht in den Händen der Entführer schildert der Deutsche so: „Wir waren über 3000 Meter, es war ziemlich kalt, zwei oder drei Grad. Dann der Wind dazu, man ist ja durchgeschwitzt vom Marschieren. Rüdiger Diedrich und ich haben uns hingelegt und in die Arme genommen, um uns zu wärmen. Wir haben so gefroren, weil wir beide nur Polohemden anhatten.“
Hunger und Durst, dazu die körperliche Anstrengung – die Geiseln waren schnell am Ende ihrer Kräfte. „Das war wirklich eine Quälerei. Ich habe mit Diedrich gesprochen und gesagt: ‚Hat doch keinen Zweck, wir müssen mit den Leuten reden. Wenn die uns erschießen wollen, dann sollen sie uns gleich erschießen.’ Dann bin ich hin zu einem der Anführer, der etwas Englisch sprach und sagte: ‚Hör mal, was habt ihr vor? Wenn ihr uns morgen erschießen wollt, aus welchem Grund auch immer, dann könnt ihr uns jetzt gleich erschießen. Dann können wir uns sparen, dass wir noch zwei, drei Stunden den Berg hochlaufen. Er hat gesagt: ‚Nein, ihr bleibt am Leben, ihr müsst bloß schauen, dass ihr mitkommt. Das war der Morgen des zweiten Tages.“
Rüdiger Diedrich hielt die Strapazen gesundheitlich nicht lange aus. „Er hat sich hingesetzt und gesagt, er läuft nicht mehr. Ich versuchte, mit den Entführern zu reden: ‚Der Mann ist krank, ihr habt einen Deutschen. Lasst ihn doch hier und nimmt nur mich noch mit und lasst ihn frei.’ Als ich dann gesagt habe, ich bleib’ bei Diedrich, haben sie mich zusammengeschlagen und weggezogen. Wir sind ins Tal runtergelaufen und aus dem Tal wieder hoch, und nach 20 Minuten sind zwei Salven gefallen aus einem AK 47, acht Schuss. Und da hatte ich das Gefühl, dass Herr Diedrich wahrscheinlich tot ist.“
Eine Flucht sei im unwirtlichen Gelände unmöglich gewesen, sagt Blechschmidt, allerdings hätten die Geiseln häufiger darüber nachgedacht. „Das Problem ist erstmal: Wir hatten tagsüber 45 Grad im Schatten. Wenn man im Gelände marschiert verliert man viel Flüssigkeit, man braucht zwingend Wasser. Das war ja das Hauptproblem. Zwar sind wir mit wenig Wasser ausgekommen; drei Becher Wasser hatten uns gereicht, auch wenn wir 30 Kilometer marschiert sind. Aber für fünf Leute muss man Wasserkanister mitschleppen. Und wenn wir über das Gebirge gegangen wären – das geht ja bis 4000 Meter hoch –, dann hätten wir keine Wasserstellen gehabt. Wir hätten immer ins Tal runter gemusst, wo Quellen und Bäche waren. Aber das Tal wird bewirtschaftet, und jedes Kind und jeder Farmer hätte uns verraten.“
Nach seiner Freilassung und seiner Rückkehr nach Deutschland wohnt der Bauingenieur bei seiner Ex-Frau in Ottobrunn bei München. „Ein Freund von mir lebt auch dort, er ist Marathonläufer. Der sagt, ich brauche mehr Bewegung, ich soll wieder laufen. Ich habe sehr viele Vorsätze gefasst, ich hoffe, dass ich die umsetzen werde, zum Beispiel, mit meinen Verwandten mehr Kontakt halten. Ich habe eine Schwester, die ich lange nicht mehr gesehen und mit der ich auch wenig telefoniert habe.“ Nach Afghanistan kann und will Rüdiger Blechschmidt nicht zurück, seine Baufirma hat er aufgrund der dreimonatigen Geiselhaft verloren. „Ich hatte was aufgebaut, die richtigen Partner gehabt usw. Aber das ist das Schicksal, das kann man nicht entscheiden.“
Susanne Koelbl
Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin beim „Spiegel“, kennt Afghanistan durch zahlreiche persönliche Erfahrungen. Mehr als vierzig Mal war sie vor Ort, um über die Ereignisse und Hintergründe zu berichten. Ein großes Problem sei die dortige Korruption, für Koelbl ist sie ein „Teil der Kultur“ von Afghanistan. „Es gibt dort keine Verteilungssysteme wie bei uns. Alles ist ein in sich selbst geregeltes System, das dort durchaus Sinn macht. Wir nennen das Korruption – für die Afghanen ist das ihr normales Überlebenskonzept.“
Auch die westliche Vorstellung von einer Demokratie sei in Afghanistan kaum umzusetzen, sagt Koelbl. Afghanen lebten seit Jahrhunderten in einer „Stammesgesellschaft“ mit nur einigen wenigen Stammesoberhäuptern. Unterhalb dieser Ebenen existiere nur eine „Gefolgschaft“. Ein individuelle Entscheidungsmöglichkeit habe es nie gegeben – „das ist aber eines der Grundelemente von Demokratie.“
Koelbl prophezeit, dass die Zahl der Taliban-Unterstützer in der Bevölkerung wieder zunimmt. Zwar hätten sie auch dann militärisch „keine Chance“, doch „um ein Land zu destabilisieren, brauchen sie keine Heerscharen“. Kleine mobile Trainingscamps, technisches Know-How sowie einige hundert potenzielle Selbstmordattentäter reichten aus, Afghanistan weiter ins Chaos zu stürzen.


