Murat Kurnaz und James Yee


Fünf Jahre erlitt Murat Kurnaz als unschuldig Inhaftierter im US-Gefangenenlager Guantanamo Folter, Demütigung und Schmerz. Jetzt kommt es bei „Beckmann“ zu einer einzigartigen Begegnung: James Yee hat als muslimischer Militärseelsorger im Range eines US-Captains Murat Kurnaz in Guantanamo betreut und zählt heute zu den wichtigsten Kritikern der dortigen Zustände.

Bei „Beckmann“ berichten Murat Kurnaz und James Yee über die Situation in Guantanamo. James Yee kann sich gut an den ehemaligen Häftling erinnern. „Natürlich habe ich ihn sofort wieder erkannt. Er sieht jetzt viel stärker aus, kräftiger. Die meisten Gefangenen, soweit ich mich erinnere, waren sehr schwach.“ Murat Kurnaz nennt die Begegnung mit dem früheren US-Militärseelsorger „etwas Besonderes“, eine „neue Erfahrung“. Dann schildert er die regelmäßigen Misshandlungen, die er in seiner Haft erleben musste. „Es gab sehr viele junge Wärter, die Lust hatten zuzusehen, wie jemand verprügelt wurde.“ Unter Vorwänden hätten sie deshalb Sondereinsatzkräfte gerufen, die sogenannten ‚IRF’-Teams (‚Immediate Reaction Force’): „Die kommen rein und schlagen zu, mit fünf bis acht Mann.“ Yee, der von November 2002 bis September 2003 auf Guantanamo stationiert war, bestätigt Kurnaz’ Vorwürfe: „Ja, das habe ich beobachtet. Die Wache hat die IRF-Teams eingesetzt – und zwar systematisch –, um gegen die Gefangenen vorzugehen.“ Die Strafaktionen seien willkürlich gewesen. „Sie haben sich irgendwelche Sachen ausgedacht, um das Team zu holen, damit es die Leute verprügelt.“ Der frühere Militärseelsorger kritisiert auch die Zustände in der Isolationshaft. „Das sind auf jeden Fall die schlimmsten Bedingungen in Guantanamo.“ Deshalb würden die entsprechenden Hafträume vor der Weltöffentlichkeit geheim halten: „Das sind ganz bestimmte Zellen, die Journalisten und andere Besucher gar nicht zu sehen bekommen.“

Die von ihm beobachteten Missstände hat James Yee laut eigener Aussage damals seinen  Vorgesetzten gemeldet – woraufhin er selbst ins Visier der US-Army geraten sei: „Als ich diese Sachen gesehen habe, habe ich das natürlich bei meinem Kommandeur angesprochen. Ich denke, das war einer der Gründe, warum ich selbst unter Verdacht geriet und zum Ziel wurde.“ Nach zehn Monaten Dienst im Gefangenlager wurde Yee unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. Doch die Anklage erwies sich als haltlos. Im Januar 2005 wurde er ehrenhaft aus der US-Armee entlassen. Er stelle sich jetzt der öffentlichen Begegnung mit Murat Kurnaz, um ein Zeichen zu setzen. „Es war mir sehr wichtig, an diesem Gespräch teilzunehmen“, so Yee bei „Beckmann“, „denn die Menschenrechte sind eine internationale Frage, die alle Menschen auf der Welt angeht.“

Max Stadler ist FDP-Obmann im BND-Untersuchungsausschuss, der seit einigen Monaten auch mit dem Fall Kurnaz beschäftigt ist. „Murat Kurnaz ist ohne jeden Zweifel glaubwürdig“, sagt er bei „Beckmann“ und fügt an: „Als er das erste Mal vor dem Ausschuss sein schlimmes Schicksal persönlich geschildert hat, das ging jedem durch und durch.“ Stadler versteht nicht, dass alle damals politisch Verantwortlichen – die USA, die Türkei und die frühere Bundesregierung – bis heute sagen würden, sie hätten alles korrekt entschieden. „Alle haben aus ihrer Sicht alles richtig entschieden – und am Ende sitzt ein junger Mann viereinhalb Jahre unter Folter und Isolation und menschenunwürdigen Bedingungen in Haft. Das lässt einen fast verzweifeln.“