Mirjam Müntefering
Die Bundesfamilienministerin warnt vor einer „menschlichen Katastrophe“: Bereits heute leiden rund 1,3 Millionen Deutsche an Demenz, jährlich kommen 250.000 Neuerkrankungen hinzu. Ursula von der Leyen kennt die Probleme auch aus eigener Erfahrung. Seit Jahren sorgt sie für ihren demenzkranken Vater, den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Bei „Beckmann“ spricht die siebenfache Mutter über die Dreifachbelastung Ministeramt, Großfamilie und Altenpflege.
Ursula von der Leyen bezeichnet die Pflege ihres demenzkranken Vaters Ernst Albrecht (77) als „Belastung, aber auch als Bereicherung, das darf man nicht vergessen“. Die Erkrankung des niedersächsischen Ministerpräsidenten sei noch im Anfangsstadium, „und das ist ein Segen“.
Vor drei Jahren habe ihr Vater sie über seine Krankheit informiert und gesagt: „Ich habe Alzheimer.“ Ursula von der Leyen sei in diesem Moment „völlig konsterniert“ gewesen. „Ich hatte lange ein sehr schlechtes Gewissen, dass ich mich nicht genügend kümmere um ihn.“ Vor einem Jahr habe sie deshalb entschieden, gemeinsam mit ihrer Familie in das Haus ihres Vaters umzuziehen. Es sei die „richtige Entscheidung“ gewesen: „Mein Vater war sehr einsam und hat einfach auch abgebaut und brauchte jemanden, der ihn enger umsorgt und einfach da ist im Alltag.“
Angesichts der jetzigen Mehrfachbelastung sei es wichtig für sie, dass sie auch mal „die Tür zumachen“ könne. „Das sind Dinge, die man lernt. Ich versuche deutlich zu machen: Hier ist meine Privatsphäre – bis hierhin und nicht weiter! Es ist typisch, dass Alzheimerkranke sehr fordernd sind. Sie sehen zunächst ihre eigenen Bedürfnisse und können sich wenig in den anderen hinein versetzen. Ich will nicht behaupten, dass es konfliktlos geht.
Durch die Pflege ihres Vaters habe sie viel gelernt, vor allem: „Bereit zu sein, Teile des Lebens herzugeben, indem man sich kümmert. Und es ist nicht nur niedlich wie bei Kindern.“
Die Erfahrungen im Zusammenleben haben die Familienministerin in den vergangenen Monaten verändert. „Demenzkranke brauchen Zeit und Ruhe. Und das muss ich lernen: mich selber zu zügeln.“ Allerdings ziehe sie auch eine Grenze: „Ich finde, man darf sich nicht aufgegeben.“


