Margarete von der Borch


Sie stammt aus einer der ältesten westfälischen Adelsfamilien. Die Kindheit von Margarete von der Borch war ein einziges Idyll: Voller Geborgenheit wächst sie auf dem elterlichen Gutshof auf, besucht ein englisches Eliteinternat und beginnt ein Slawistik-Studium. Als sie 1992 nach St. Petersburg reist, sieht die damals 25-Jährige plötzlich eine ganz andere Realität. Denn hinter den schillernden Fassaden der Metropole verbirgt sich unfassbares Elend: Jugendliche, die verwahrlost auf der Straße leben, behinderte Kinder, die weggesperrt in Heimen ein trostloses Dasein fristen. Die junge Adelige folgt ihrem sozialen Gewissen und verwendet ihr gesamtes Erbe für ihren neuen Lebensinhalt. Sie gründet den Verein „Perspektiven e.V.“, um diesen Kindern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Heute nennt man sie für ihren selbstlosen Einsatz bewundernd den „Engel von St. Petersburg“. Bei „Beckmann“ berichtet Margarete von der Borch von ihrer Arbeit.

Ihre Eltern konnten das soziale Engagement ihrer Tochter zunächst kaum nachvollziehen. Sie hätten sich gewünscht, dass ihr Kind etwas Anständiges mache, so die junge Adelige. „Erst als meine Mutter mich in St. Petersburg besuchte, sagte sie mir: ‚Jetzt verstehe ich, was dich hier hält.’“

Am Anfang ihres sozialen Engagements für benachteiligte Kinder hatte die Adelige noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Zunächst seien ihre Beweggründe skeptisch aufgenommen worden. „Die Kinder und die Erwachsenen hatten sicherlich das Gefühl, da kommt eine Westlerin, die hat Sozialromantik, und wenn es ihr langweilig wird, dann wird sie wieder verschwinden.“ Doch von der Borch ist geblieben und gewann so das Vertrauen ihrer Schützlinge.

Ihr allererster Eindruck von der Situation in russischen Kinderheimen schien zunächst weniger erschreckend, als sie eigentlich erwartet hatte, berichtet die 40-Jährige. „Die Kinder lagen in den Betten, es roch nicht schlecht, es war alles ordentlich und alles still.“ Man hätte denken können, dass die Kinder Mittagsschlaf hielten – erst auf den zweiten Blick sei ihr bewusst geworden, dass diese völlige Passivität ein Dauerzustand war. Niemand habe sich intensiver mit den Kindern beschäftigt, keiner habe mit ihnen gespielt oder gesprochen.

In Russland herrsche die Einstellung, es genüge, geistig behinderte Kinder zu verwahren. „Sie   werden von der Gesellschaft ausgesperrt“, so von der Borch, und die Ärzte würden den Eltern behinderter Kinder schon nach der Geburt raten, ihr Kind in ein Heim abzuschieben und einfach ein zweites, gesundes Kind zur Welt zu bringen.

Margarete von der Borch weiß, wie schnell ein einziger Unfall das Leben ändern kann. „Wir denken immer: „Das sind wir, und das sind die.“ Doch die Grenze zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sei sehr schmal.

Behinderte besäßen in Russland keine Lobby, im Alltagsleben seien sie kaum anzutreffen. Dies hat auch Margarete von der Borch bemerkt. „Ich freue mich immer, wenn ich einen Rollstuhlfahrer in der Stadt sehe. Das ist ein Zeichen, dass sich langsam, sehr langsam die Einstellung des Staates verändert.“