John le Carré


Vom Geheimagenten zum weltberühmten Thrillerautor – der Lebensweg von John Le Carré ist abenteuerlich: Länger als ein Jahrzehnt stand er in Diensten des britischen Geheimdienstes. Anfang der 60er arbeitet er in Deutschland, im geopolitischen Zentrum des Kalten Krieges. Doch Carré glaubt nicht mehr an seinen Geheimauftrag und sucht einen Ausweg. Auf dem Höhepunkt des Ost-West-Konfliktes, während der Zeit des Berliner Mauerbaus, beginnt er, Romane zu schreiben – und landet 1963 mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ einen Bestseller. Viele seiner Bücher wie „Das Russland-Haus“, „Die Libelle“ oder zuletzt „Der ewige Gärtner“ werden in Hollywood verfilmt. Bei „Beckmann“ gibt der öffentlichkeitsscheue Großmeister des Spionagethrillers erstmals ein TV-Interview in deutscher Sprache.

„Mit 16 habe ich in der Schweiz gelebt und hatte das große Glück, von emigrierten Dozenten unterrichtet zu werden“, erklärt der Brite sein fließendes Deutsch. Carré lernte früh im Leben, auf eigenen Füßen zu stehen: Sein Vater galt als Hochstapler und Spieler und saß einige Male im Gefängnis, seine Mutter verließ die Familie und verschwand zunächst spurlos. Erst Jahre später begegnete Carré ihr zufällig wieder; für eine emotionale Beziehung war es da längst zu spät. „Man kann die Liebe nicht nachholen“, sagt er bei „Beckmann“ über seine Mutter.

Die Beziehung zu seinem Vater war sehr ambivalent. Carré nennt ihn einen „Felix Krull“, und beschreibt ihn britisch-humorvoll als einen Gauner mit viel Charme: „Seine Opfer hatten viel Mitgefühl für ihn – auch nach seinem Tod.“ Er habe Briefe erhalten, in denen Opfer sich bedankt hätten: Sein Vater sei alles wert gewesen. Durch den Vater habe er eines gelernt: „Nichts ist wahr. Man ist die Person, die man sich einbildet zu sein.“

Diese Erfahrung machte es Carré leicht, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. „Ich war da, ich war interessant, ich war biegsam“, sagt er über den ersten Kontakt. Er habe damals unbedingt etwas für sein Land tun wollen. „Ich hatte ein Schamgefühl, dass ich im Krieg nicht mitgemacht hatte.“ Als James Bond habe er sich allerdings nie gefühlt. „Ein Spion ist jemand, der ein Risiko eingeht. Ich saß an meinem Pult und habe Berichte bekommen.“ Mehr will und darf er nicht verraten: „Es gibt Geheimnisse, die nie veralten.“ Obwohl er persönlich seit 1963 nichts mehr mit Geheimdiensten zu tun hat, verfolgt Carré als Autor die politische Weltlage ganz genau. Vor den Terroranschlägen in New York am 11. September hätten die Geheimdienste versagt: „Total. Es gab einen ungenügenden Informationsaustausch.“ Carré warnt vor politischen Vereinfachungen und eine Aufteilung der Welt in Gut und Böse: „Das ist eine Denkweise aus dem Kalten Krieg.“

Das Bücherschreiben empfindet Carré weiterhin als großes Vergnügen. „Die meisten meiner Träume sind Gott sei Dank unerfüllt. Zum Beispiel würde ich gerne ‚Krieg und Frieden’ schreiben – leider hat das schon jemand gemacht.“