Johannes Heesters & Simone Rethel-Heesters


102 Jahre und kein bisschen leise – Johannes Heesters ist der letzte Grandseigneur des Showgeschäfts. Mehr als acht Jahrzehnte hat er deutsche Film-, Theater- und Musikgeschichte geschrieben, aber an Abschied denkt der Bonvivant noch lange nicht. Bis heute fliegen „Jopie“ die Herzen zu, wenn er mit Stock, Zylinder und weißem Schal live auf der Bühne steht, wie vor wenigen Tagen bei der Wiedereröffnung des Berliner Admiralspalastes. Kurz vor seinem 103. Geburtstag erfährt er jetzt gleich zwei besondere Ehrungen: Die Berliner Akademie der Künste widmet ihm eine umfangreiche Ausstellung, und seine Frau Simone Rethel-Heesters hat bisher nie gesehene Fotos zu einem opulenten Bildband über sein Leben zusammengestellt. Erstmals seit langem ist das ungewöhnliche Schauspielerpaar nun wieder Gast in einer Talksendung.

Am 5. Dezember wird Heesters 103 Jahre alt; immer noch treibt er regelmäßig Sport. Er geht ins Fitnessstudio, schwimmt regelmäßig und macht Gymnastik. Seinen Geburtstag wird er, natürlich, auf der Bühne feiern. „Im Wiener Konzerthaus trete ich mit meinem Pianisten auf und singe sechs, sieben Lieder. Viele Überraschungsgäste werden kommen und Reden halten. Welches Alter will er erreichen? „Mein Lied ‚Ich werde 100 Jahre alt’ muss jetzt umgetextet werden: ‚Ich werde 120 Jahre alt...ja so was kann passieren...’“, singt die Jahrhundertlegende und schmunzelt dabei.

Der Holländer blickt auf eine wohl einzigartige Karriere zurück, die bereits in den 20er Jahren begann. Bis heute trifft ihn ein Vorwurf, der 1976 Schlagzeilen machte: „Heesters singt für SS“ lautete die Bildunterschrift zu drei Fotos, die den Schauspieler 1941 bei der Besichtigung des KZs Dachau zeigen. Angeblich bewiesen sie, dass er dort für die SS gesungen haben soll.

Jetzt schildert Heesters bei „Beckmann“ offen seine Erinnerung an 1941. Zum Besuch in Dachau habe die SS das gesamte Ensemble des Gärtnerplatztheaters abgeholt. Er habe keine andere Wahl gesehen. „Wir sind durchgegangen, und dann haben sie gesagt: ‚Hier sind die Stationen, wo die Gefangenen gewaschen und geduscht werden.“ Man habe zeigen wollen, wie gut es angeblich den KZ-Häftlingen ging. „Ich dachte, na ja, ich möchte nicht dabei sein. Es war traurig!“ Dann habe ein Lagerorchester gespielt. „Da haben sie mich daneben hingestellt, und ich hab zugehört. Am nächsten Tag behaupteten sie, ich hätte mit dem Orchester gesungen. Ich hab’ gesagt: Das ist gelogen, das ist nicht wahr. Ich hab zugehört – mehr auch nicht.“

Hat er diesen Besuch später bereut? „Ich habe es bereut, ich hätte es nicht tun sollen! Aber was hätten sie dann getan? Sie hätten gesagt: ‚Herr Heesters, Sie sagen, Sie wollen nicht?! Dann bleiben Sie heute Nacht mal hier. Da haben wir ein kleines Zimmer, da können Sie sich hinsetzen und nachdenken, was Sie uns zu sagen haben. Wir sind sehr neugierig darauf.’“

Bei „Beckmann“  beteuert er mit Tränen in den Augen: „Ich schwöre es bei meiner Familie – es ist nicht wahr!“

Jetzt hofft „Jopie“, dass die Vorwürfe gegen ihn durch bislang unbekannte Fotos aus einem Privatarchiv endgültig entkräftet werden. Seine Ehefrau Simone Rethel-Heesters hat für ihren demnächst erscheinenden Bildband über Heesters Bühnenkarriere Fotos aus acht Jahrzehnten zusammengetragen. Drei Jahre hat sie dafür recherchiert – und dabei ist sie auf eine nie gesehene Fotoserie über Heesters Besuch in Dachau gestoßen.

Simone Rethel-Heesters über ihre Entdeckung: „Eine Journalistin gab mir den Tipp, den Stiefsohn des damaligen Intendanten des Gärtnerplatztheaters anzusprechen. Er ist dann in seinen Keller gegangen und hat tatsächlich in alten Kartons ein Fotoalbum gefunden. Und darin waren die Fotos, die wir seit dreißig Jahren suchen! Es war wirklich wie im Krimi.“ Insgesamt gebe es 52 Fotos vom Dachau-Besuch, auf 27 davon sei ihr Mann zu sehen – aber auf keinem einzigen bei einem eventuellen Auftritt. „Man sieht ganz eindeutig einen Rundgang.“ Ihre Schlussfolgerung, die ihren Mann ihrer Meinung nach entlastet: Wenn es, wie behauptet wird, einen Auftritt in Dachau gegeben hätte, wäre der Bühnenstar auch mit Sicherheit dabei fotografiert worden. Alle 27 Fotos werden in ihrem Bildband über Heesters Leben und Karriere zu sehen sein.