Hellmuth Karasek


Ganz Deutschland diskutiert das Waffen-SS-Geständnis von Günter Grass. Als einer der Ersten hat Hellmuth Karasek in der hitzigen Debatte Stellung bezogen und den Schriftsteller öffentlich attackiert. Zwar hat der 72-jährige Buchkritiker noch nie ein klares Wort gescheut – doch jetzt geht es um nichts weniger als das Lebenswerk von Deutschlands moralischer Instanz. Karasek meint: Wenn Grass’ Vergangenheit bereits früher bekannt gewesen wäre, hätte er den Literaturnobelpreis nicht erhalten. Bei „Beckmann“ spricht Hellmuth Karasek Klartext über die aktuelle Kontroverse und sagt, warum er Grass kritisiert.

„Sein Bekenntnis hat mich erschüttert und schockiert – weil ein Moralist sich selber zu Grunde richtet“, sagt Karasek über Grass. Allerdings sei dessen gesellschaftliche Bedeutung nicht so groß, wie vielfach behauptet, meint Karasek: „Er hat für die deutsche Literatur immens viel geleistet. Und das finde ich viel wichtiger, als wenn er das auch für die Gesellschaft getan hätte. Für die Gesellschaft hat er beispielsweise gesagt: Die DDR sei eine kommode Diktatur – ich meine, das muss man sich mal vorstellen...“

Was rät Karasek dem Literaturnobelpreisträger in der aktuellen Debatte, müsste er sich für sein jahrzehntelanges Schweigen entschuldigen? „Ich weiß es nicht. Es tut ihm ja niemand was: Er kommt nicht ins Gefängnis, er kommt nicht wegen Meineids vor Gericht, es passiert ihm nichts. Er muss eigentlich nur mit seinem Spiegelbild ein bisschen reden.“ Einen Tipp hat der 72-Jährige für den Schriftsteller: „Runter vom Sockel“, meint Karasek.

Aus dem Grass-Bekenntnis könne man nur eines lernen: „In Zeiten, in denen Diktaturen herrschen, kann es nur Verstrickungen geben und keine ganz saubere Trennung zwischen Gut und Böse. Grass hat nach dem Krieg diese Trennung zu scharf eingeführt. Hätte er an sich selber gedacht, wäre er vielleicht milder mit anderen umgegangen.“