Heide Simonis
Sie zählt zu Deutschlands schärfsten Kritikerinnen der heutigen Krebsprävention. Deshalb engagiert sich Heide Simonis bereits seit 2001 für einen einzigartigen Modellversuch: „Qualifizierte Mammadiagnostik“ kämpft für eine verbesserte Früherkennung und Diagnostik bei Brustkrebspatientinnen. Die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin will das Prinzip der „Zweitbefundung“ zwingend vorschreiben lassen. Alle Röntgenbefunde müssten dann von einem unabhängigen zweiten Arzt begutachtet werden. Die Erfahrung beweise: Die Rate der Fehldiagnosen sinke dadurch um 70 Prozent. Im Interview mit Reinhold Beckmann spricht Heide Simonis jetzt erstmals öffentlich über ihre eigene Brustkrebserkrankung.
„Viele glauben, Brustkrebs ist ein Todesurteil – ist es nicht, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich will zeigen, dass er besiegbar ist.“ Durch ihr offenes Interview mit Reinhold Beckmann will Simonis jetzt allen Betroffenen Mut machen und ein positives Signal setzen: „Es gibt Frauen, die haben Angst und keine Ahnung, was man tun könnte, wenn man Krebs kriegt. Du musst dran glauben, dass etwas dagegen zu machen ist. Und es ist nichts, wofür du dich schämen oder verstecken musst! Es ist ja nichts, was man verschuldet hat.“ Ihr Arzt habe ihr die Diagnose Ende Februar 2002 bei einer ihren jährlichen Vorsorgeuntersuchungen mitgeteilt. „Das sieht nicht schön aus, hat er gesagt. In solchen Krisensituationen werde ich ganz kühl“, beschreibt die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein ihre erste Reaktion auf den Befund. Der Tumor sei „noch überschaubar“ gewesen, so Simonis, „etwa ein Zentimeter im Durchschnitt“. Sie habe sich anschließend die Krebsdiagnose von einem weiteren Arzt bestätigen lassen. Danach ging alles sehr schnell: „Ich wurde am Samstag operiert – und am Montag hab ich posthum den ehemaligen Ministerpräsidenten Stoltenberg zum Ehrenbürger des Landes gemacht. Ich bin so verrückt – aber das ist meine Art, mit Sachen fertig zu werden.“
Nach der Operation wollte Simonis sich nichts anmerken lassen. „Schwächeanfälle konnte ich mir gar nicht leisten. Wenn ich immer weg gewesen wäre, dann wäre es ja aufgefallen. Ich kann ganz gut innere Kräfte mobilisieren.“ Es folgten Monate der Nachsorge und Bestrahlungen: „Ich habe das verdammt gut ertragen. Die Röntgeneinheiten, die da kamen, waren eine Menge. Wenn sie da jeden Tag hingehen, das nimmt schon ein bisschen mit. Aber Chemo ist schlimmer, das habe ich bei anderen Frauen gesehen, das hätte mich geschafft. Ich habe ja ohnehin immer so ein Gedödel mit meinen Haaren.“
Bis heute ärgert Simonis, dass gestreute Gerüchte über ihre Erkrankung ihr im Wahlkampf bewusst schaden sollten. „Da fühlt man sich in die Enge getrieben. Sie können ja nichts dagegen machen, wenn sie nicht wissen, wer es ist. Ich war an so dem Punkt: Wenn ich den Schweinepriester erwische, der das macht, der kann aber was erleben!“
Simonis kritisiert bei „Beckmann“, dass Krebs gezielt als Druckmittel der Politik eingesetzt werde. „Es gibt nichts Schlimmeres, was sie einem Politiker oder einer Politikerin antun, als zu sagen: ‚Ich glaube, die da, die hat Krebs.’ Da gucken alle, wann sie umfallen. Das Getuschel ist ja beinahe schlimmer.“
Bei „Beckmann“ nennt Simonis auch den Grund für ihr bisheriges Schweigen. „Da wäre mein Vater immer gegen gewesen. Er hat immer gesagt: ‚Wenn man krank ist, legt man sich ins Bett und macht keinen Ärger.’“ Während ihrer Amtszeit habe sie „keinen Tag“ gefehlt. Simonis: „Ich habe nie versucht, mit Krankheiten oder Tränen etwas durchzusetzen, so nach dem Motto: Ich konnte das nicht schaffen, ich war ja krank.“
Heute falle es ihr leichter, über den Brustkrebs zu sprechen. Sie fühle sich „richtig gut“. Auch wenn es Tage gebe, „da ist es weniger nett“, wie Simonis gesteht. Bald sind die kritischen fünf Jahre seit der Operation vorbei. Sie gehe noch halbjährlich zur Vorsorgeuntersuchung, aber fühlt sich fit: „Ich habe mich jetzt gesund erklärt, und damit ist die Sache gelaufen.“
