Hans-Jochen Vogel
Er gilt als Urgestein der deutschen Sozialdemokratie. Wie kaum ein anderer hat Hans-Jochen Vogel das Profil der SPD geprägt: Bereits mit 34 Jahren war er Münchens jüngster Bürgermeister, später Bundesjustizminister im Kabinett von Helmut Schmidt und Regierender Bürgermeister von Berlin. 1987 folgte er Willy Brandt im Amt des Parteivorsitzenden. Mehr als fünf Jahrzehnte lang war Vogel die moralische und politische Instanz der SPD – und ein lautstarker wie scharfsinniger Mahner. Umso überraschender: Der unermüdliche Parteiarbeiter ist dieses Jahr ins Seniorenheim gezogen – freiwillig. Leiser werden will der 80-Jährige dennoch nicht. Ein Jahr nach der Bundestagswahl analysiert Hans-Jochen Vogel bei „Beckmann“ den Zustand der Großen Koalition, bewertet die Arbeit seiner Nachfolger – und spricht über sein Leben im Alter.
Der Umzug in ein Altenwohnheim ist für Hans-Jochen Vogel auch im Rückblick die richtige Entscheidung. Er habe sich nicht erst im letzten Moment dazu entschließen wollen, „wenn einem gar nichts anders mehr übrig“ bleibe. „Das Leben ist ein Stück leichter geworden. Meine Frau und ich fühlen uns dort sehr wohl.“ Bereits vor dreißig Jahren hätten seine Eltern im selben Altenwohnheim gelebt. „Im ganzen Haus herrscht eine sehr gute Atmosphäre. Außerhalb der täglichen Essenszeit zwischen 12 und 13 Uhr lebt man völlig selbstbestimmt.“
Seine neuen Mitbewohner empfinde er als „sehr angenehm“ im Umgang. „Ich bin wieder mal der Jüngste, der Altersschnitt liegt bei 86“, freut sich Vogel, der 1960 mit 34 Jahren jüngster Münchener Oberbürgermeister wurde. „Aber natürlich <personname>mac</personname>he ich mir Gedanken: Wenn du diese Wohnung verlässt – dann bist du nicht mehr am leben.“
Mit achtzig Jahren denke er natürlich auch an den Tod, allerdings fürchte er sich nicht davor: „Der Tod ist nichts Erschreckendes, er gehört zum Leben dazu. Man darf sich nicht wegducken.“ Kraft gebe ihm sein Glauben, sagt Vogel bei „Beckmann“: „Die Seele lebt fort, das ist ein christlicher Grundgedanke. Ich habe die Vorstellung, dass man vom Herrgott ins Gespräch gezogen wird, um Rechenschaft abzulegen.“
Die bisherige Regierungszeit der Großen Koalition beurteilt Hans-Jochen Vogel differenziert. „Mir gefällt auch das ein oder andere nicht. Aber es ist zu früh, ein Urteil zu fällen.“ Franz Müntefering und Peer Steinbrück würden beispielsweise solide Arbeit leisten, und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sei um ihren Job nicht zu beneiden. Bei der Gesundheitsreform müsse sie sich mit vier großen Machtblöcken auseinander setzen. „Es ist eine Teufelsaufgabe, etwas zu ändern.“
Politischen Instinkt bescheinigt Vogel Klaus Wowereit. „Wir waren nicht immer einer Meinung. Aber heute muss ich sagen: Respekt.“ Wowereits bisherige Koalition mit der Linkspartei sieht Vogel nach der Wahl am Sonntag mit anderen Augen: „Ich muss zugeben: Er hat im Grunde sehr klug gehandelt, diese Leute in die Verantwortung für Maßnahmen einzubeziehen, die nicht unbedingt in ihrem Programm stehen.“
Vogel traut Wowereit noch einiges zu: „Er hat offenbar politischen Instinkt. Ich vertraue ihm, dass er die richtige Entscheidung trifft“, sagt der Ex-SPD-Chef über die anstehende Regierungsbildung in Berlin.
