Gerhard Schröder


Sieben Jahre Kanzlerschaft, sieben Jahre voller politischer Ereignisse. Vom Zerwürfnis mit Oskar Lafontaine über die SPD-Zerreißprobe bis zur Vertrauensfrage und letztlich der Neuwahl – jetzt zieht Gerhard Schröder die Bilanz seiner Amtszeit. Ein Jahr nach dem Abschied von der Macht sorgen die Memoiren des Altkanzlers für Wirbel. In seinen Erinnerungen erklärt Schröder seine politischen Entscheidungen und geht mit den Gewerkschaften hart ins Gericht – und bekommt dafür von seinen Gegnern kräftig Kontra. Bei „Beckmann“ nimmt Gerhard Schröder Stellung zur aktuellen Kritik und schildert ganz persönlich die Höhen und Tiefen seiner Kanzlerjahre. Im 75 Minuten langen Gespräch mit Reinhold Beckmann spricht er über seine Fehler und Erfolge und über seine Weggefährten und Nachfolger.

Schröders Privatleben hat sich nach seinem Rückzug positiv verändert, wie er sagt: „Das ist besser geworden, ich hab wirklich mehr Zeit für die Familie. Noch wichtiger: Der Druck ist weg, dieser unmittelbare Druck. Man ist zugewandter, weil man nicht mit anderen Dingen permanent beschäftigt ist. Weniger Druck schafft mehr Möglichkeiten, präsent zu sein für den anderen. Das ist für mich eine neue Erfahrung.“

Während seiner Amtszeit habe er sich in seiner Wohnung im Berliner Kanzleramt oft allein gefühlt. „Einsam war’s schon“, gesteht Schröder bei „Beckmann“. „Im Grunde ist man sehr allein in dem Amt.“ Es sei so, dass man „ständig reagieren oder zumindest reaktionsfähig sein“ muss. „Diese Situation schafft eine Lage, in der Sie weniger gesprächs- und aufnahmefähig sind für private Dinge. Für die Familie ist es nicht einfach, mit jemandem in dem Amt zusammen zu sein.“ Der Altkanzler dankt seiner Ehefrau Doris für ihr Verständnis und ihre Unterstützung während seiner siebenjährigen Kanzlerschaft: „Nehmen Sie es als Liebeserklärung – sie ist schon großartig!“

Bemerkenswert findet Schröder die Wandlungsfähigkeit von Angela Merkel: „Alles was damals kritisiert wurde, ist heute Regierungskunst. Ich sehe das mit leichtem Amüsement, wie man es innerhalb eines halben Jahres fertig kriegt, ‚die ruhige Hand’ zu kritisieren und ‚die kleinen Schritte’ für den Ausweis von Regierungskunst zu halten.“

Hingegen lobt Schröder die aktuelle Bundesregierung für den Umgang mit den Fotos von Totenschändungen in Afghanistan: „Ich bin einverstanden, wie die Bundesregierung derzeit reagiert. Mehr kann sie auch nicht tun.“ Er selbst habe keinerlei Erklärung für das Verhalten der entsprechenden Soldaten. Sein erster Gedanke bei Veröffentlichung der Fotos sei gewesen: „Das kann wirklich nicht sein. Es war für mich kaum nachvollziehbar.“ Allerdings dürfe kein Pauschalurteil über die Bundeswehr gefällt werden. „Man muss auch Gerechtigkeit walten lassen gegenüber denen, die härtesten Dienst geleistet haben und sich nie etwas zuschulden haben kommen lassen. Das soll nichts entschuldigen – aber es ist immer sehr leicht, Schuldige zu finden.“

Eine Aufklärung der Vorfälle ist für Schröder zwingend notwendig. Allerdings warnt er die Medien dringlich davor, Terroranschläge gegen Deutschland heraufzubeschwören. „Die Bitte, die ich nur aussprechen kann: Die Gefahren nicht herbei reden – das gehört auch zur Verantwortung der Medien.“

Gerhard Schröder hofft auf Wohlwollen, wenn auf seine Kanzlerschaft zurück geblickt wird. „Ich würde mir schon Zuneigung wünschen“, sagt er bei „Beckmann“. Das Kanzleramt habe ihn „härter“ gemacht: „Das Amt verändert jeden, der es inne hatte. Man wird auch unduldsamer und muss dann gute Freunde und Menschen haben, die einen lieben, um das einigermaßen in der Balance zu halten.“

Unter seine Polit-Karriere habe er einen „endgültigen Schlussstrich“ gezogen. „Ich werde nicht wieder operative Politik machen. Ich werde natürlich ein politischer Mensch bleiben – das ist aber keine Drohung, weder für Freund noch für Feind.“