Garri Kasparow und Ina Ruck
Zwei Jahrzehnte lang hat er die Schachwelt dominiert wie kein anderer. Garri Kasparow gilt als der beste Schachspieler aller Zeiten. Schon mit 16 wurde das Ausnahmetalent zum Großmeister, mit 22 ging er nach einem Aufsehen erregenden Titelkampf als jüngster Schachweltmeister in die Geschichte ein. Zur Überraschung aller Experten erklärte das Genie vor fast genau zwei Jahren seinen Rückzug vom Schachbrett. Seitdem bezieht er Opposition gegen die Politik des Kreml und zählt heute zu den lautstärksten Kritikern des russischen Präsidenten Wladmir Putin. Garri Kasparow spricht bei „Beckmann“ über Machtspiele und Machtstrategien.
Im Gespräch mit Reinhold Beckmann kritisiert Garri Kasparow den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin. „Putin leitet nicht das Land – er leitet große Unternehmen. Sieben Jahre ist er an der Macht – und das Ergebnis ist die Zerstörung sämtlicher demokratischer Institutionen in Russland. Russland gehört nicht zum Club der demokratischen Nationen. Kasparow warnt vor einem drohenden Katastrophe: „Von außen sieht es so aus, als wäre das Land stabil – aber das ist eine Illusion.“
Seit zwei Jahren ist Ina Ruck für die ARD in Moskau vor Ort. Auch die Fernsehjournalistin sieht in Russland demokratische Grundregeln verletzt: „Es gibt eine klassische Demokratiedefinition, und die erfüllt Russland natürlich nicht. Dazu gehört zum Beispiel, dass man sich vor Wahlen frei und fair über sämtliche an den Wahlen teilnehmenden Parteien und Kandidaten informieren kann – das geht nicht in Russland, natürlich nicht.“
Nach Ansicht des früheren Schachweltmeisters vertrete Putin nicht die Interessen Russlands, sondern sei in erster Linie auf seinen persönlichen Vorteil bedacht. Kasparow glaubt nicht, dass Putin im März 2008 noch einmal für das Amt des Staatpräsidenten kandidieren werde. „Er repräsentiert die reichsten Elitegruppen – ich glaube, er selbst ist der reichste Mann auf diesem Planeten. Und diese Leute kontrollieren die Ressourcen in Russland. Er möchte seine Zukunft nicht gefährden. Jede Entscheidung, die er trifft, trifft er aus wirtschaftlicher Sicht.“
Kasparow äußert sich im Gespräch mit Moderator Reinhold Beckmann überzeugt, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch stehe. „Wir stehen vor einem Desaster, wenn dieses korrupte, kriminelle Regime nach 2008 weiter im Amt bleibt. Selbst wenn der Öl-Preis nicht nach unten geht, wird das Land zusammenbrechen, denn die Infrastruktur fällt auseinander. Es gibt keine Investitionen in diesem Land. Das ganze Geld aus dem Öl- und Gasgeschäft geht aus dem Land raus.“
Im Gegensatz zu Kasparow weist Ina Ruck auf zumindest einige positive Entwicklungen im Alltag der russischen Bevölkerung hin. „Man sieht natürlich im Straßenbild in Moskau, auch in den Provinzen, dass sich viel verändert hat und dass es vielen Leuten besser geht.“ Zwar sei das mit Sicherheit nicht die Mehrheit, aber sie glaube, dass „der Leidensdruck für eine Massenbewegung nicht groß genug ist“.
Der Ex-Schachweltmeister sieht sich weiterhin einer Zensur durch die russische Regierung ausgesetzt. „Es gibt eine schwarze Liste mit Leuten, die nicht im russischen Fernsehen auftauchen dürfen. Und ich bin einer, der ganz oben auf der Liste steht.“
Ina Ruck bestätigt, dass die russische Regierung Einfluss auf die Berichterstattung nimmt: „Die Chefs der großen Fernsehkanäle treffen sich einmal in der Woche bei Putin und kriegen genau gesagt, was berichtet wird und was nicht berichtet wird. Da wird natürlich ganz klar eine Richtlinie gegeben, wer in der Medien auftauchen darf und wer nicht.“


