Franz Beckenbauer und André Heller


Franz Beckenbauer (60) und André Heller (59) – eine Generation, zwei völlig konträre Charaktere. Der eine steht für Sport, der andere für Poesie – aber beide beherrschen auf ihre Art die hohe Kunst des Massenspektakels. Trotz unterschiedlicher Lebenswege sind sie fast freundschaftlich verbunden. Doch die Absage der WM-Eröffnungsgala traf Hellers Künstlerseele wie ein Schock – erstmals nach dem Eklat sprachen der Chef des Kulturprogramms und der WM-Cheforganisator bei „Beckmann“ gemeinsam über ihre Enttäuschung.

Bisher hatte sich Kaiser Franz aus dem Streit um die Absage der WM-Eröffnungsgala herausgehalten. Bei „Beckmann“ springt er André Heller zur Seite. Zum ersten Mal sagt Beckenbauer klipp und klar: „Die Absage ist eine Blamage!“ Wäre Deutschland verantwortlich gewesen, lässt der Kaiser durchblicken, hätte das Spektakel statt gefunden. „Man hat uns die Ursprungsidee aus der Hand genommen.“

Heller kann seinen großen Ärger kaum verhehlen: „Hier wurden 10 Millionen Euro dafür ausgegeben, dass etwas nicht stattfindet. Das ist obszön. Das ist so, als wenn jemand sagt: Ich kaufe mir ein Auto – aber ich hole es mir nicht ab.“

Beckenbauer kritisiert den Weltfußballverband, unter anderem wegen dessen anhaltender „Nörgelei“ am Ticketsystem: „Das sind Störfeuer, die mich wütend machen. Es gibt jetzt die 25. Sitzung mit der Fifa zusammen. Die Fifa weiß bestens Bescheid, wie dieses Modell laufen soll. Wenn man jetzt sechs Wochen vor dem Eröffnungsspiel sagt, wir trauen diesem Ticketsystem nicht, das hat keinen Sinn – es gibt kein anderes System. Also muss man diesem System vertrauen!“

Der WM-Chef sieht künftig ein allmächtige Fifa: „Wir sind der letzte Ausrichter, der noch einigermaßen frei entscheiden darf. Aber das haben wir der Fifa teuer abgekauft zu Beginn unserer Verhandlungen.“ Südafrika, Ausrichter der WM 2010, „werde sich noch wundern“, so Beckenbauer: „Sie werden in ihrem eigenen Land nicht die Spur eines Rechts haben! Sie müssen sich im Rahmen der Fifa-Regeln bewegen. Grundsätzlich wird den Ablauf einer WM nur noch die Fifa bestimmen.“

Franz Beckenbauer fiebert dem Eröffnungsspiel entgegen: „Dann sind alle Nebenschauplätze vorbei. Vom 9. Juni bis 9. Juli herrscht nur ein Thema – und das ist Fußball!“ Neun Jahre Vorbereitungszeit auf die WM habe ihm viel Zeit für andere Interessen genommen, sagt er. „Ich habe fast alle Philosophen gelesen, von Sokrates, Platon, Hegel, Kant bis zu Konfuzius. Leider ist das verloren gegangen durch den Fußball, ich weiß fast nichts mehr. Ich habe das Gefühl, ich bin ein wandelnder Fußball. Ich muss ja schon ausschauen wie ein Fußball.“

Kraft schenkten ihm derzeit seine zwei jüngsten Kinder, Joel Maximilian (5) und Francesca Antonie (2). „Am Morgen um sechs kommt die Kleine – und dann bin ich wach. Dafür gehe ich lieber um halb elf ins Bett.“

Heller bewundert Beckenbauers Ruhe und Gelassenheit: „Er hat ein wunderbares Geschenk mit bekommen: nämlich von vorneherein eine Mitte zu haben. Jemand wie ich muss sich das mühsam erarbeiten und über viele Hindernisse springen, ehe er zu einer richtigen Mitte gelangt.“

Heller offenbart bei „Beckmann“, dass er während seiner Zeit als Liedermacher tablettensüchtig gewesen war: „Ich bin vier Jahre lang nur aufgetreten mit Tabletten, die mich zwei Stunden euphorisch machten. Eines Tages bin ich drauf gekommen, dass ein bestimmtes Schlafmittel nach 15 Minuten euphorisierend wirkt, wenn ich weiter rede. Kurz vor dem Auftritt habe ich es genommen und dann ein Unbesiegbarkeitsgefühl bekommen.“ Eines Tages habe er dann einen Darmstillstand erlitten. „Durch die Gifte hatte alles aufgehört zu arbeiten in meinem Darm.“ Von einer Sekunde auf die andere habe er keine Tabletten mehr genommen. „Ich habe mich selber entzogen, ohne ärztliche Hilfe. Denn Werksesser bei Ciba-Geigy oder Hoffmann-La Roche ist keine gute Position.“