Elisabeth Noelle-Neumann
Sie ist die Grande Dame der Zahlen und Prognosen. 1947 gründete Elisabeth Noelle-Neumann das erste Meinungsforschungsinstitut Deutschlands, das „Institut für Demoskopie Allensbach“, und erforschte über Jahrzehnte das Denken und das Fühlen der Deutschen wie keine andere. Während dieser Zeit beriet sie die Bundeskanzler Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Helmut Kohl, die ihrem Gespür für Meinungen und Stimmungen vertrauten. Doch die emeritierte Professorin für Publizistik ist nicht nur eine Frau der Zahlen. Sie forscht auch nach dem Glück und glaubt an Wiedergeburt. Einen Tag vor ihrem 90. Geburtstag blickt Elisabeth Noelle-Neumann jetzt bei „Beckmann“ auf ihr ereignisreiches Leben zurück.
„Ich freue mich, dass ich jetzt 90 werde“, erzählt Elisabeth Noelle-Neumann. „Die 9 habe ich so gerne wie meine Glückszahl, die 19. Körperlich fühle sie sich fit, mit zunehmendem Alter habe sich nur eines geändert: „Die Träume werden immer intensiver, je älter man wird. Heute kann ich schon fast nicht mehr unterscheiden: War’s Traum, war’s Wirklichkeit? Das klingt unheimlich, aber nicht zu unheimlich, weil ich immer fröhlich träume.“
Sie schlafe „unheimlich viel, im Durchschnitt zehn Stunden, manchmal auch elf oder zwölf“, verrät die Meinungsforscherin. Allerdings ist sie beruflich weiter aktiv und ist zumindest unregelmäßig auch beim Allensbacher Institut. „Ich gehe noch in die Fragebogenkonferenz, neulich noch für eine Umfrage der FAZ. Das Thema hieß: Was ist Zeitgeist?“
Drei Bundeskanzler hat Noelle-Neumann während ihrer Karriere beraten, am meisten beeindruckte sie Konrad Adenauer: „ Ich habe zu Adenauer immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Er hatte eine Aura, das ist sehr selten. Als er im Sterben lag, stand die ganze Familie um sein Bett und er sagte: ‚Kein Grund zum Weinen.’ Das war seine Mahnung an die Familie. Ich habe es ganz genau wörtlich in Erinnerung.“
Angst vor dem Tod hat Noelle-Neumann nicht. „Ich glaube an das, wie es Sterbeforscher beschreiben: Der Sterbende gehe durch einen dunklen Gang, aber am Ende erwarte ihn sein Schutzengel. Und darum haben soviel Sterbende ein leichtes Lächeln im Gesicht. Sie haben ihren Schutzengel gesehen, und das ist wunderschön.“
Seit einer Ägyptenreise glaube sie zudem an Wiedergeburt – und sieht darin keinen Widerspruch zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit. „Als Wissenschaftlerin kann ich sehr wohl an Widergeburt glauben. Ich war in einem Tempel von Edfu. Und da wusste: Hier bin ich schon gewesen.“
Es sei für sie „wie eine Art Enthüllung“ gewesen. „Ich hatte plötzlich das Gefühl, und das war das Entscheidende: Es gibt keine Zeit. Die Zeit ist einfach im Boden verschwunden. Herrlich. Mit diesem Gefühl, das ich in Edfu erlebte – die Zeit verschwindet im Boden – war natürlich auch meine Todesfurcht weg. Das hat bis heute angehalten. Es ist unglaublich, aber so was muss man erlebt haben.“


