Die neue Lust am Nationalstolz: Autoren, Künstler und Politiker propagieren die Rückkehr zu Vaterlandsliebe und Patriotismus
Alice Schwarzer (Publizistin)
Hugo Egon Balder (Entertainer)
Gregor Gysi (Politiker)
Florian Langenscheidt (Verleger und Buchautor)
Til Schweiger (Schauspieler)
Matthias Matussek („Spiegel“-Kulturchef und Buchautor)
Gestern wurde genörgelt, heute wird gejubelt. Die Deutschen verlassen das Jammertal und versprühen wieder Euphorie. „Wir sind Papst“, „Du bist Deutschland“, „Land der Ideen“ – spektakuläre Schlagzeilen und Werbekampagnen strotzen vor Selbstbewusstsein. Bücher wie „250 Gründe, unser Land zu lieben“ oder „Wir Deutschen. Warum die anderen uns gerne haben können“ beschreiben ein neues Nationalgefühl. Selbst die britische Presse meint: Die Deutschen sind endlich „cool“. Papst Benedikt XVI., Bundeskanzlerin Merkel und Topmodel Heidi Klum seien die Gesichter eines neuen Deutschlands. Jetzt steigt auch noch von Tag zu Tag das WM-Fieber, das die ganze Nation zu Gewinnern machen soll. Weltweit blickt eine Milliarde Menschen auf den Gastgeber – aber wie sehen sich die Deutschen selbst? Stehen Patriotismus und Vaterlandsliebe vor ihrer Wiedergeburt? Der Optimismus scheint auf dem Siegeszug – oder ist die Stimmung besser als die Lage der Nation? Über diese Fragen diskutieren bei „Beckmann“ Alice Schwarzer, Hugo Egon Balder, Gregor Gysi, Florian Langenscheidt, Til Schweiger und Matthias Matussek. Zwei Wochen vor dem Jahrhundertereignis Fußball-WM sagen sie, was sie an Deutschland schätzen und was sie an der aktuellen Stimmungsmache gar nicht mögen.
Matthias Matussek fiebert bei der Fußballweltmeisterschaft mit dem deutschen Team: „Ich habe mich immer gefreut, wenn Deutschland gewonnen hat.“ Zwar sei „nationalistisch“ ein Tabuwort, aber bei Weltmeisterschaften „entdecken die Leute, dass sie ja doch irgendwie nationalistisch sind“, meint der Kulturchef des „Spiegel“.
Mit Begriffen wie Nationalismus und Patriotismus kann Til Schweiger nichts anfangen: „Ich würde es niedriger hängen. Heimatgefühl gefällt mir schon besser“, beschreibt der 42-Jährige sein Deutschland-Gefühl. „‚Vive la France’ ist genauso schwachsinnig wie ‚Es lebe Deutschland’.“
Gregor Gysi glaubt nicht, dass seine Generation ein „normales Gefühl“ für Deutschland entwickeln könne. „Wir sind die Nachkriegsgeneration. Bei einem bestimmten Deutschlandbegriff haben wir immer an die Nazis gedacht.“ Das habe zu einem gestörten Verhältnis geführt, so Gysi. Seine Generation habe im Umgang mit dem Vaterland regelrecht „einen Knacks weg“.
Ähnlich sieht es Alice Schwarzer: „Ich bin keine stolze Deutsche. Ich bin eine geborene Rheinländerin und stolze Europäerin.“ Allerdings gebe es Momente, wo sie doch stolz auf Deutschland sei. Einmal, so erzählt die „Emma“-Herausgeberin, habe sie im Zug zwischen Köln und Frankfurt eine Japanerin auf die Loreley aufmerksam gemacht – und dabei „einen gewaltigen Besitzerstolz“ empfunden. Verleger Florian Langenscheidt plädiert für ein gesundes deutsches Selbstbewusstsein: „Auch der Schrebergarten und der Gartenzwerg haben etwas Liebenswertes und gehören zu Deutschland.“
Hugo Egon Balder fehlt hierzulande die gewisse Leichtigkeit, Entscheidungen zu treffen: „Wir brauchen immer eine Verordnung und eine Kampagne“, konstatiert der Entertainer. „Warum müssen wir immer jemanden haben, der uns erklärt, was gemacht werden muss?“ Auch die ständigen Erwartungshaltungen in Deutschland sind für Balder ein Rätsel: „Warum müssen wir unbedingt Weltmeister werden? Wenn wir es nicht werden, ist es doch auch nicht tragisch, oder? Warum reicht es uns nicht, uns zu freuen, dass es uns allen gut geht?“


