Bettina Eistel


Es war der wohl größte Pharmaskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Nur kurze Zeit nach der Geburt von Bettina Eistel wurde 1961 das schädliche Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen. Für das Mädchen kam das Verbot allerdings zu spät – Bettina Eistel kam ohne Arme auf die Welt. Ein Leben ohne fremde Hilfe schien für sie unvorstellbar. Doch bereits als Kind hat sie gelernt, alltägliche Dinge allein mit ihren Füßen in den Griff zu bekommen. Heute ist die 45-jährige Diplompsychologin mehrfache Medaillengewinnerin im Dressurreiten bei den Paralympics in Athen sowie seit einem Jahr eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin. Bei „Beckmann“ schildert Bettina Eistel ihre Kindheit und sagt, wie sie gelernt hat, ihr Handicap fast vergessen zu machen.

„Learning by doing“ hieß die Devise ihrer Eltern. Als Kind durfte Bettina Eistel viele Erfahrungen selbstständig sammeln. „Meine Eltern haben mich unterstützt, indem sie mich nicht gebremst haben. Sie haben gesagt: ‚Lass sie sich mal alleine entwickeln, mal gucken, was noch kommt.’“ Stehen und Laufen habe sie damals erst relativ spät gelernt. „Ich musste offensichtlich warten, bis meine Beinmuskeln stark genug waren. Irgendwann habe ich es geschafft, mich mit dem Rücken an die Wand zu lehnen und mich mit den Beinen hoch zu schieben.“ Eine Zeitlang habe sie einen Kopfschutz tragen müssen, weil sie immer auf ihr Gesicht gefallen sei.

In den sechziger Jahren, erinnert Eistel sich, herrschten noch starke Vorbehalte gegenüber Behinderten. Sie selbst habe zum Beispiel zunächst nicht in den Kindergarten gedurft, und auch die Kirchengruppe wollte sie nicht aufnehmen. Oftmals sei den Müttern die Schuld zugeschoben worden. „In der Einstellung hat sich glücklicherweise vieles geändert. Es war eine harte Zeit für meine Mutter.“

Ihre Eltern kämpften vehement dafür, dass Eistel eine Regelschule besuchen und später aufs Gymnasium wechseln konnte. „Bildung ist das Allerwichtigste“, sagt sie über ihre Schulzeit, die sie genossen habe. Nach dem Abitur studierte sie Psychologie und arbeitet seit 1987 als Familientherapeutin in einer Hamburger Erziehungsberatung.

Die 45-Jährige hat früh gelernt, ihr Handicap fast vergessen zu machen, und fühlt sich auch heute nicht behindert. Ihre Füße benutzt sie mit einer außergewöhnlichen Geschicklichkeit: Sie kocht, putzt, malt, strickt, telefoniert, tuscht sich ihre Wimpern, lackiert sich die Nägel und fährt sogar Auto mit Fußlenkung. Wirklich eingeschränkt fühlt sie sich nur selten, wie sie sagt: „Ich bin Fachfrau für kreative Lösungsversuche.“