Meine Liebeserklärung an den Fussball

Es war Neid im Spiel, als meine Liebe zum Fußball begann: Als jüngster von drei Brüdern hatte ich jahrelang miterleben müssen, wie die Beiden jedes zweite Wochenende mit unserem Vater von Twistringen nach Bremen fuhren, um die Heimspiele des SV Werder zu besuchen. Diese Nachmittage des Ausgeschlossenseins gehören zu den schrecklichsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Dann aber, ich war neun und Werder auf dem Weg zur Meisterschaft, war es soweit: Am 8. Mai 1965 nahm mich mein Vater mit zum Duell gegen Borussia Dortmund ins Weserstadion. Es war der 29. und vorletzte Spieltag. Zu einer eigenen Karte reichte es nicht, ich saß auf dem Schoß meines Vaters. Die Grün-Weißen mussten gewinnen, um den Abstand zum 1.FC Köln zu wahren. Sie taten es mit einer Wucht und Dynamik, die mir den Atem raubte: 3:0 hieß es nach einem grandiosem Sturmlauf. Klaus Matischak, Theo Klöckner und Gerhard Zebrowski hatten getroffen. So hatte ich Erwachsene bis dahin noch nie ausflippen gesehen.

Als dann auch noch die Nachricht durchdrang, dass Köln nur ein 0:0 gegen Nürnberg geschafft hatte und Werder damit durch das weitaus bessere Torverhältnis vorzeitig Meister war, wurde Trainer Willi "Fischken" Multhaup auf Schultern vom Platz getragen. Meine Bundesligapremiere und gleich Meister: Es war der erste Pfeil des Fußballgottes in mein Herz. Von diesem Tag an war ich verliebt.

Wenige Jahre später, inmitten meiner Präpubertät, folgte der zweite Teil der Prägung: Ein böses Foul eines groben Abwehrklotzes des TSV Bassum hatte mich, den schnellen, eleganten, pfeilschnellen, behänden und zu großen Hoffnungen Anlass gebende Angreifer des TSV Twistringen so schwer erwischt, dass ich am zweiten Weihnachtstag ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Eine üble Fußgeschichte, aber reden wir nicht weiter drüber.

Denn wichtiger war ein Geschenk, dass ich von meinen Kameraden bekam: "Elf Freunde müsst ihr sein", das legendäre Jugendfußballbuch von Sammy Drechsel. Während meiner sechs Wochen in der Klinik las ich, wohl ein Dutzend mal, die Abenteuer einer Schulmannschaft aus dem Berlin-Wilmersdorf der Dreißiger Jahre. Einer Truppe von typischen Berliner Steppkes, die nach langen Kämpfen und vielen Widrigkeiten, trotz fehlender Trikots und verständnisloser Lehrer schließlich die Stadtmeisterschaft gewinnt. Doch während die meisten Fußballer aus meiner Generation sich mit einem Helden aus dem Stürmerduo Heini Kamke und Matze Krause identifizierten, suchte ich mir den coolen (aber eigentlich grundsympathischen) Torwart des Erzrivalen der Wilmersdorfer aus. Ein Fußballerleben zwischen drei Stangen und einem Netz begann. Doch dies ist nun wieder eine ganz andere Geschichte.

Der Prägung dritter Teil schließlich fand in den frühen Siebzigern statt: Puma statt Adidas. Lange Mähne statt Seitenscheitel. Revolte statt System. Netzer, Lefevre, Simonsen statt Maier, Müller und Co. Mit einem Satz: Gladbach statt Bayern.

Es ging um Aufbegehren der Popgeneration, Widerstand gegen die Welt der Alten, ANDERS SEIN - eben all jene Dinge, für die die Fohlen standen.

Und mit der Begeisterung des Heranwachsenden für die Establishment-Stürmer vom Niederrhein wurde der Fußball endgültig zu mehr als meiner Lieblingsbeschäftigung. Er wurde ein Lebensgefühl. Und ein Gefühl von Liebe.


Reinhold Beckmann