St. Pauli Unser

Anlässlich des 100. Geburtstages des FC St. Pauli erinnern sich in diesem Buch prominente Fans und Autoren an Aufstiege und Abstiege ihres Lieblingsvereins, unvergessliche Spiele und ihre schönsten Erlebnisse am Millerntor.

Neben Wladimir Klitschko, Uwe Seeler, Uli Hoeneß und vielen anderen Prominenten, hat auch Reinhold Beckmann über seine besondere Beziehung zum FC St. Pauli geschrieben:

 

Leseprobe

 

Mein Weg zum FC St. Pauli

"Am Millerntor angekommen bin ich eigentlich erst auf Umwegen, aber dann richtig. Für mich Norddeutschen waren 13 Jahre Exil als Student und Journalist beim WDR in Köln eine verdammt lange Zeit. Doch im Januar 1991 wechselte ich als Sportchef von Köln zu Premiere nach Hamburg, und dieser Weg führte mich ziemlich direkt zum FC St. Pauli. Besser gesagt, es gab da zwei Typen, die mich einfach an die Hand nahmen, sodass nichts mehr schief gehen konnte. Ein Glücksfall eben, wie er nicht oft passiert. Mit Helmut Schulte und Christian Hinzpeter lernte ich zwei kennen, die praktisch im Fußballbiotop St. Pauli groß geworden waren.

 

Natürlich hatte ich als Sportjournalist und Fußballfan den Verein schon lange vorher begleitet. Er faszinierte mich immer durch seinen etwas besonderen Charme im Vergleich zum Rest der Liga. Auch Helmut Schulte war mir schon früher, genauer gesagt 1988, zum ersten Mal begegnet. Er sprach mich im Bistro Vienna an. Ich war damals als freier Mitarbeiter der Sportschau der Mann für den englischen Fußball, und den Trainer des Erstligisten St. Pauli interessierten meine Ansichten. Für mich jungen Journalisten ein denkwürdiger Moment.

 

Helmut Schulte hatte gerade ein Jahr zuvor den Cheftrainerposten des FC St. Pauli übernommen. Und das auf mehr als ungewöhnliche Art und Weise. Der HSV brauchte dringend einen Trainer und fand ihn in Willi Reimann, bis dahin Coach am Millerntor. Eine gute Ablösesumme erwies sich als unschlagbares Argument, und der Sauerländer Helmut Schulte war plötzlich neuer Cheftrainer. Präsident Otto Paulick fragte ihn unvermittelt: „Traust du dir den Job zu?“ Manche fanden das damals schon etwas seltsam, heute wirkt es geradezu märchenhaft.

 

Denn Helmut Schulte war erst 1984 als Spieler zum FC St. Pauli gekommen, wurde danach über eine ABM-Stelle Jugendtrainer und schließlich Co-Trainer von Willi Reimann. Dieser ungewöhnliche Coach ließ die Anhänger des Vereins bald Kopf stehen, als er 1988 mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga aufstieg. Die ganze Fußballrepublik spürte, dass hier vieles anders lief, und die Konkurrenz staunte nicht schlecht.

 

Im Grunde veränderte sich von nun an nahezu alles. Christian Hinzpeter war als Vizepräsident des Clubs gleichzeitig so etwas wie der erste ehrenamtliche Fanbeauftragte. Wenn es diesen besonderen Job nicht gegeben hätte, für Christian hätte man ihn erfinden müssen. Auch mich führte er in die Welt von St. Pauli ein und zeigte mit den Weg vom Stadion direkt in die Vereinskneipe. Hier im rauchgeschwängerten „Ligaraum“ konnten die Fans nach Spielschluss mit den Spielern beim Bier zusammenhocken und die Partie nacharbeiten. Wo im Profifußball gab es das sonst, und wie unglaublich ist das von heute aus gesehen? Manchmal blieben wir auch bei den Platzwarten hängen, die in ihrem Raum inmitten von Astra-Kisten grüne Heringe grillten." [...]