Ganz Persönlich

Leseprobe:


Reinhold Beckmann: Herzlich willkommen Loki Schmidt. In drei Tagen ziehen Sie mit Ihrem Mann gleich. Da haben Sie Geburtstag und werden 86 Jahre alt. Was wünschen Sie sich?

Loki Schmidt: In meinem Alter wünscht man sich nicht mehr viel. Dass man die letzten Jahre noch halbwegs klar bei Verstand durch diese Welt laufen kann, das wäre schon genug. Natürlich mit meinem Mann zusammen.

Wir kennen Sie in vielen Rollen: Als Ehefrau, Kanzlergattin, als Botanikerin, als Umweltschützerin, aber was viele nicht wissen: Sie haben fast dreißig Jahre als Lehrerin gearbeitet. Was bedeutet Ihnen diese Zeit?

In einem Satz: Es war eine wirklich gute Zeit. Das hängt natürlich damit zusammen, dass meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler mich nicht vergessen haben. Die ältesten sind sogar 75, und viele melden sich immer noch.

Wie streng waren Sie als Lehrerin? Gab es ab und zu eine Backpfeife?

Nur, wenn eines der Kinder die Spielregeln, die wir gemeinsam aufgestellt hatten, immer wieder durchbrochen hat. Dann gab es entweder einen Backs oder einen Knuff. Und das Kind wusste sofort, das es sich da nicht richtig benommen hatte. Das war immer ganz niedlich anzusehen: Nach dem Klaps hatte das Kind erst den Kopf gesenkt, schielte dann seitlich hoch, bis wir uns anguckten und meistens anlächelten. Damit war die Sache endgültig erledigt.

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Als Ihr Mann damals aus dem Krieg zurückkam, haben Sie als Lehrerin gearbeitet und für den Unterhalt gesorgt, während er studieren ging. Er wollte eigentlich Architektur studieren, aber das ging nicht, also hat er Volkswirtschaft studiert.

Er hat es genauso gemacht wie ich: Ich bin in die Universität gegangen und habe mich erkundigt, welches das kürzeste Studium ist und möglichst auch das billigste. Das war Pädagogik. Bei meinem Mann was das nach dem Krieg Volkswirtschaft.

Das war eine unübliche Rollenverteilung damals…

Das war bei uns nie ein Problem. Ein selbstbewusster Mensch braucht seinen Männerstolz nicht hervorzukehren.

Sie mögen den Begriff Emanzipation überhaupt nicht. Warum?

Nachträglich habe ich die Suffragetten in England sehr bewundert. Aber wenn jemand dauernd mit einem Schild vorm Bauch herumläuft: „Ich bin eine tüchtige Frau“, ist mir das zu viel. Wir sind nun einmal Männlein und Weiblein und gehören zusammen. Und mir reicht es, wenn jemand tüchtig ist. Ob das ein Mann ist oder eine Frau, ist mir wurscht.

Zurück zu Ihrer eigenen Schulzeit: Sie waren mit Ihrem Mann auf der gleichen Schule, der Lichtwark-Schule. Ist er Ihnen aufgefallen?

Wir sind verhältnismäßig schnell miteinander befreundet gewesen, warum das so war, weiß ich nicht. Wir haben damals jedenfalls immer gesagt, wir können uns so gut zanken – das Wort „diskutieren“ benutzte man nicht. Wir haben unendliche Streitgespräche auf dem Weg von der Schule nach Hause geführt. Es gipfelte in der Frage, was wichtiger ist: der Verstand oder das Gefühl. Und natürlich hat jeder seinen Punkt ganz besonders hart verteidigt, sonst macht es ja auch keinen Spaß.

Nehme ich richtig an, dass er sich eher als Verstandsmensch dargestellt hat und das Gefühl mehr auf Ihrer Seite war?

Natürlich.

Was war er damals für ein Junge?

Klein, aber sehr wach. Das ist es wahrscheinlich, was ihn für mich anziehend gemacht hat.

Sie waren wesentlich größer als er.

Ich war mindestens einen Kopf größer.

Helmut Schmidt war vorher auf einer reinen Jungenschule. Wie gut konnte er mit Mädchen umgehen, als er auf die Lichtwark-Schule kam?

Bei ihm ging es, aber manche waren ziemlich rabiat. Die mussten verprügelt werden.

Von wem?

Von mir.